Das neue Beratungsangebot „pepper" des Frauen-Notrufs Wetterau richtet sich gezielt an Kinder und Jugendliche, die häusliche Gewalt miterleben.
Nidda – Ein Kinderzimmer kann ein Rückzugsort sein. Eine Tür lässt sich schließen, vielleicht läuft Musik. Doch wenn nebenan geschrien wird oder Gegenstände zerbrechen, schützt auch diese Tür nicht vor dem, was zu Hause passiert.
„Kinder sind in solchen Situationen nicht einfach nur Zuschauer. Sie sind Mitbetroffene“, sagen Julia-Katharina Wintermeyer und Jana Tittel. Die beiden werden künftig bei „pepper“ beraten. Die neue Fachberatungsstelle des Frauen-Notrufs Wetterau richtet sich an Kinder und Jugendliche, die häusliche Gewalt miterleben oder miterlebt haben.
Denn Kinder bekommen mit, was in ihrer Familie geschieht. Manche versuchen, einen Streit zu beenden oder einen Elternteil zu beruhigen. Andere verstecken sich oder schützen jüngere Geschwister. Viele beobachten die Stimmung der Erwachsenen und versuchen, einzuschätzen, was als Nächstes passieren könnte. Verantwortung, die eigentlich bei den Erwachsenen liegen müsste, landet so mitunter bei denen, die selbst Schutz und Sicherheit brauchen.
Für ein Kind kann dadurch das eigene Zuhause zum Ort der Angst werden. Das Miterleben häuslicher Gewalt kann die emotionale, soziale und schulische Entwicklung belasten. Kinder ziehen sich möglicherweise zurück, entwickeln Ängste oder wirken niedergeschlagen. Andere reagieren mit Wut oder auffälligem Verhalten.
Anlaufstelle für Kinder fehlte
Besonders belastend ist die ständige Unsicherheit: Kinder können beide Eltern lieben und gleichzeitig Angst vor einem Elternteil haben. Sie können den gewalttätigen Elternteil vermissen und trotzdem wissen, dass sein Verhalten falsch ist. Für sie lässt sich die Situation nicht einfach auflösen.
Der Frauen-Notruf Wetterau kennt solche Situationen seit Jahren. Seit fast vier Jahrzehnten unterstützt die Beratungsstelle gewaltbetroffene Frauen und Mädchen. Das Angebot wurde im Laufe der Zeit erweitert.
Auch die Kinder gewaltbetroffener Frauen waren dabei stets im Blick. Eine eigene Anlaufstelle, die sich gezielt an die Kinder und Jugendlichen selbst richtet, fehlte jedoch.
„Wir hatten immer ein besonderes Augenmerk auf die Situation der Kinder“, sagte Christa Mansky vom Vorstand des Frauen-Notrufs bei der Eröffnung. Mit „pepper“ wolle man „einen sicheren Ort schaffen, wo Kinder Unterstützung finden mit dem, was sie in der eigenen Familie erleben“.
Seit 2024 wurde konkret an dem Projekt gearbeitet. Vergangene Woche wurde „pepper“ gemeinsam mit den neuen Räumen des Frauen-Notrufs vorgestellt, am 1. September startete die Beratung. Bürgermeister Torsten Eberhardt (CDU) fasste es knapp zusammen: „Eine unendliche Geschichte mit gutem Ende.“
Auch die Erste Kreisbeigeordnete Birgit Weckler (CDU) betonte die Bedeutung des neuen Angebots für das Hilfesystem. „pepper“ sei ein neues und besonderes Angebot mit einem klaren Fokus auf Kinder und Jugendliche und „einzigartig in Hessen“.
Für die Kinder und Jugendlichen soll die Hürde möglichst niedrig sein. Die Beratung ist kostenlos und vertraulich. Sie können erzählen, was sie beschäftigt, Fragen stellen und gemeinsam mit den Beraterinnen nach Wegen suchen, die ihnen Sicherheit geben. Sie können allein kommen oder jemanden mitbringen.
Gemeinsam kann geschaut werden: Was gibt Sicherheit? Was hilft im Alltag? An wen kann sich das Kind wenden? Welche Menschen können verlässlich für es da sein?
„Du bist nicht schuld daran. Du bist nicht allein“, lautet deshalb eine zentrale Botschaft des kindgerechten Informationsmaterials.
Dass ein solches Angebot gebraucht wird, erleben die Fachkräfte bereits in ihrer Präventionsarbeit. Nach Workshops an Schulen suchten Kinder und Jugendliche immer wieder das Gespräch und erzählten von Dingen, die sie sonst niemandem anvertrauen konnten, berichtet Simone Mertel vom Fachdienst Frauen und Chancengleichheit des Wetteraukreises. Umso wichtiger seien verlässliche Ansprechpartner, die zuhören, die Situation ernst nehmen und die Kinder fachkundig begleiten. Denn ihre Lebenssituation könnten sie sich nicht aussuchen und sich meist auch nicht aus eigener Kraft daraus befreien.
Präventiver Gedanke
Dabei setzen die beiden Beraterinnen auch auf das breite Netzwerk, das es bereits im Wetteraukreis gibt. Zur Eröffnung waren Mitarbeitende von Beratungsstellen, der Kinder- und Jugendhilfe und auch der Polizei eingeladen, um Austausch und gute Zusammenarbeit von Beginn an zu fördern.
„pepper“ soll Kindern nicht nur helfen, belastende Erfahrungen zu verarbeiten. Dahinter steckt auch ein präventiver Gedanke. Kinder lernen, wie Beziehungen funktionieren, auch durch das, was sie zu Hause erleben. Gewalt kann dadurch als etwas Vertrautes oder vermeintlich Normales erscheinen. Das kann später die Gefahr erhöhen, selbst Gewalt auszuüben oder in einer gewaltgeprägten Beziehung zu landen. Vorbestimmt ist dieser Weg jedoch nicht. Verlässliche Beziehungen, Sicherheit und die Möglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, können Kindern und Jugendlichen helfen, Erfahrungen zu verarbeiten und eigene Ressourcen zu entwickeln. Das könne dazu beitragen, dass sich Gewalt nicht von einer Generation in die nächste fortsetzt.
Die Beratung ist gestartet. Ein eigener Ort für Kinder und Jugendliche ist geschaffen. Ein Ort, an dem sie erzählen dürfen, was zu Hause passiert, und vielleicht zum ersten Mal erleben, dass jemand zuhört.
Zur Homepage von pepper: pepper-wetterau.de
Kreis-Anzeiger vom 04.09.2026