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Pressebericht: Gewalt hat viele Gesichter

Frauennotruf Wetterau

Fünf Organisationen haben in Friedberg zu einem inklusiven Fachtag gegen Gewalt eingeladen. In Workshops erfuhren Menschen mit und ohne Behinderung, wie Gewalt entsteht und wie man sich wehren kann.

Friedberg – Auf dem Weg zur Stadthalle kommen die Besucher an einem Gewaltaufruf vorbei: Aufkleber auf einem Mülleimer am Parkplatz fordern in Sprüchen und Bildern dazu auf, die Polizei anzugreifen und die Fans eines anderen Fußballvereins wie ein Schwein abzuschlachten. Gewalt hat viele Formen, zeigt sich mal als Aufstachelung zum Hass und ein andermal als Rempelei an der Bushaltestelle nach Schulschluss. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen kennen das. „In Behindertenwerkstätten gibt es strukturelle Gewalt“, sagt eine Betreuerin im Gespräch vor der Stadthalle. „Nicht alle, die dort arbeiten, können ihre Gefühle steuern.“ Schnell fällt ein böses Wort, das als bedrohlich empfunden wird.

Was tun? In der Wetterau haben sich 2019 fünf inklusive Institutionen zusammengetan: Wildwasser, Frauen-Notruf, Lebenshilfe, Wetterauer Werkstätten und das Wetterauer Büro für Leichte Sprache der Teilhabe Wetterau gGmbH haben mehrere Projekte organisiert. Dank Förderung der „Aktion Mensch“ konnten sie nun einen inklusiven Fachtag für Gewaltschutz organisieren. Dieser war mit über 90 Teilnehmerinnen und Teilnehmern mit und ohne Einschränkungen bis auf den letzten Platz ausgebucht.

Großes Spektrum an Hilfsangeboten

Im Foyer herrscht eine lockere Stimmung. Alle sind guter Laune und duzen sich. Im Saal verrät das Organisationsteam dann, was alles auf dem Programm steht und wie man die zuvor gewählten Arbeitsgruppen findet. Ein Grußwort spricht Julia Maiano vom Inklusionsbüro der Stadt Friedberg. Selbst Rollstuhlfahrerin, weiß sie: „Gewalt passiert oft dort, wo Macht ungleich verteilt ist.“ Aber Maiano hat auch eine positive Botschaft: „In der Wetterau gibt es viele Hilfsangebote.“

Die werden an diesem Tag gebündelt in Arbeitsgruppen vorgestellt. In der Theater-AG zeigt Theater-Pädagogin Tabea Eifert, wie sich Stimmungen auf die Körperhaltung auswirken. Dazu bewegen sich zwölf Personen im Kreis. Spielen sie Trauer, gehen sie gebückt, mit dem Blick nach unten. Haben Sie Angst, gehen Sie vorsichtiger. „Das Herz rast schneller“, sagt eine Teilnehmerin. Wut zeigt sich durch eine gerade, aufrechte Haltung und Freude durch ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen. Das macht Spaß und sorgt für Auflockerung. Während der Vorstellungsrunde zuvor sind zwei Personen in Tränen ausgebrochen. In einem Fall bietet eine Betreuerin an, kurz rauszugehen. Danach geht es wieder. Ein Beispiel, mit wie viel Empathie und Umsicht das Betreuungspersonal agiert.

Was alles ist Gewalt? Darüber klären Judith Pollesch und Wolfgang Schulz von der Polizeidirektion Wetterau auf. Im Rollenspiel bedrängt er sie, ihm ein Foto zu schicken: oben ohne. Sie reagiert zurückhaltend, weiß nicht recht, wie sie mit der Situation umgehen soll. Darauf er: „Aber wenn du mich liebst…“ „Das ist psychischer Druck“, sagt ein Teilnehmer und stellt sich wie alle anderen in der Gruppe auf das Feld mit dem Wort „Ja“. Ja, auch das ist Gewalt. Das gilt auch, wenn der Ausbilder die Mitarbeiterin drängt, sie solle ihre Arbeit endlich richtig machen: „Ich hab’s dir doch so oft erklärt.“ Wie man sich da wohlfühlt?

Stopp! Was der Körper alles verrät

Frauen können sich gegen Gewalt zur Wehr setzen, eine Möglichkeit ist Wendo: Selbstbehauptung und -verteidigung für Mädchen und Frauen in schwierigen Situationen. Kursleiterin Doris Kroll zeigt Beispiele, wie die eigene Körpersprache verrät, ob man unsicher auf andere Menschen reagiert oder sich im Zweifel behaupten kann. Auch wenn man ‚Stopp!‘ sage, könnten andere Personen die eigene Grenze überschreiten und aufdringlich werden.

In weiteren Arbeitsgruppen geht es um Selbstbehauptung für Männer, Sicherheit im Internet, Gewalt in Paarbeziehungen und um die Frage, wie man reagieren soll, wenn man Gewalt beobachtet.

„Uns ist wichtig, dass es allen gut geht“, hatte Miriam Vermeil von Wildwasser Wetterau bei der Begrüßungsrunde am Vormittag gesagt und versprochen: „Wir geben viele Hinweise, wie man gut miteinander umgehen kann“ – ohne psychische oder physische Gewalt, ohne Druck und ohne aggressive Worte. Das setzte sich nach dem Mittagessen und dem vom Plenum umjubelten Kaffeetrinken („Au ja, es gibt Kuchen!“) am Nachmittag in den Arbeitsgruppen und in einer gemeinsamen Schlussrunde fort.

Quelle: Wetterauer Zeitung, 05.03.2026