Mehr Gewaltpräventionskonzepte notwendig

Beim Zonta Club Nidda-Oberhessen: Bestürzung, Austausch und Forderung nach mehr Unterstützung für von Gewalt betroffene Frauen.
BAD SALZHAUSEN – “Orange your city” und “Zonta says no”: Auch in Bad Salzhausen waren das evangelische Gemeindezentrum und das Kurhaushotel orangefarben angestrahlt. Kein verspielter Kontrast zum herbstlichen Grau, sondern Teil einer Aktion von internationalen Menschenrechtsorganisationen. Zonta Clubs in 64 Ländern setzten dabei ein Zeichen. Am 25. November, dem weltweiten “Aktionstag zur Beseitigung von Gewalt an Frauen und Mädchen”, ging es um ein bedrückendes Thema – laut einer Studie der Bundesregierung wurden 2018 hierzulande mehr als 114 000 Frauen und Mädchen Opfer von Gewalt, 122 wurden durch ihren Partner oder Ex-Partner getötet.
Aber die Absage an Gewalt war bewusst weit gefasst und machte sich die allgemeine Stärkung von Frauenrechten zum Ziel. Viele Interessierte waren gekommen. Als Referentinnen konnte Präsidentin Sabine Steinmeier die Europaministerin Lucia Puttrich, Jeanette Stragies und Cäcilia Schlocker von Frauen-Notruf Wetterau begrüßen. Zugleich dankte sie der evangelischen Kirchengemeinde, dem Kurhaushotel und “Pro Sound” für die Unterstützung bei der Beleuchtungsaktion.

“Europa ist eine Frau – Europa sind viele Frauen!” In ihrer temperamentvollen und engagierten Rede schlug Ministerin Puttrich den Bogen von der mythologischen Gestalt zu Frauen an der Spitze der Europäischen Union, allen voran Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Christine Lagarde an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Frauen mit Zivilcourage wie die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier wurden genannt: Mit ihrem Beitrag zur Wiedervereinigung Deutschlands hätten sie zugleich das vereinte Europa mit seiner Osterweiterung unterstützt. Die Lebensrealität von Frauen in den unterschiedlichen Ländern möge verschieden sein, aber, so die Ministerin: “Europa steht für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit, es verkörpert eine Wertegemeinschaft.” Gewalt gegen Frauen, in vielen Ländern verbreitet, sei mit europäischen Grundwerten wie der Menschenwürde nicht vereinbar, wobei die Ministerin viele Formen, etwa Kinderehen, Zwangsverheiratung und mehr, ansprach. Auch in Kooperationen der Entwicklungshilfe müssten gegenüber kulturell anders geprägten Partnerländern diese Grundwerte betont werden. Die Ministerin forderte eine Vereinheitlichung des Opferschutzes und bedauerte, dass noch nicht alle europäischen Länder die Istanbul-Konvention als verbindliche Rechtsgrundlage zur Verhinderung von Gewalt an Frauen ratifiziert haben. Sie betonte die Wichtigkeit von Solidarität mit den Opfern. Die Arbeit des Frauen-Notrufs habe sie nach anfänglicher Skepsis überzeugt. “Die Wertegemeinschaft Europa muss immer wieder aufgerufen werden”, schloss die Europaministerin.
In einer kurzen Publikumsdiskussion betonte eine Lehrkraft der Hirzenhainer Hammerwaldschule die Notwendigkeit von Gewaltpräventionskonzepten auch an Förderschulen und forderte dafür mehr staatliche Unterstützung.

Gewaltursachen und-formen stellte Cäcilia Schlocker dar. Sie zeigte gewaltfördernde gesellschaftliche Strukturen auf- von Frauen als verkaufsförderndes erotisches Objekt in der Werbung, Benachteiligung verschiedener Art bis hin zu Verletzung der körperlichen Unversehrtheit. Dann stellte sie die Arbeit des Frauen-Notrufs dar: „Wir bieten allen Frauen und Mädchen, ob mit oder ohne Behinderung, gleich welcher Nationalität, welchen Alters, welcher wirtschaftlichen Situation oder sexuellen Orientierung Beratung und Hilfe an, leiten Präventions- und Öffentlichkeitsarbeit.“ Auch hier schloss sich eine Diskussion an.

Der Zonta Club Nidda-Oberhessen wird auch weiter den Frauen-Notruf finanziell unterstützen. Gastlichkeit ist eines der Merkmale des Clubs. Das Spiel der Profimusikerinnen Brigitte Kanuth-Pfeifer (Querflöte) und Doris Hackl-Webers (Harfe), die Einladung zum Plenumsgespräch, die Bewirtung in der Pause – das alles war wie eine helle Gegenwelt zu einem düsteren Thema.

von em, Kreis Anzeiger, 27.11.2019